Mit Herz und Soul

Es ist ja durchaus überraschend für einen, der gefühlt 10.000 Zeitungsseiten in seinem Leben voll geschrieben hat, wenn er dann selbst mal als Thema in einer Zeitung auftaucht. Das ist neulich passiert. Meine Leidenschaft für die  Soul-Musik war der Grund für eine Geschichte, die Arne Boecker für die Schaumburger Zeitung geschrieben hat. Die Schaumburger Zeitung ist die Lokalzeitung für die Stadt Rinteln und für die Dörfer im Umkreis; in einem dieser Dörfer lebe ich seit etwa vier Jahren. Dörfer heißen heute allerdings nicht mehr Dörfer, sondern Ortsteile, im Beamtendeutsch O.T.
Relativ verbreitet bei deutschen Lokalzeitungen ist es heute, solche Geschichten hinter einer Paywall zu verstecken. So ist es auch bei der Schaumburger Zeitung. Ich hänge Arnes Text deshalb einfach mal an das Ende des Textes. Mit Arne, das will ich hier nicht verschweigen, bin ich seit etwa 1972 verbandelt. Uns verbindet eine vermutlich ähnliche Sicht auf das Leben, auch wenn er mehr vom Fußball versteht als ich von Musik. Egal, jedem anderen, der mich gefragt hätte, ob er über mich schreiben darf, dem hätte ich gesagt: Ach, lass mal.

Soul-Musik oder Soul ist ein dehnbarer Begriff.  Vermutlich gibt es deshalb auch bei dieser Musikrichtung so viele Menschen, die tagsüber Schubladen beschriften und sich lustige Namen für neue Stilrichtungen ausdenken.  NuSoul, OldskoolSoul, 90’sSoul, Nu90’sOldskoolSoul, undsoweiterundsofort. Das ist in einer Welt, die von sich selbst behauptet, immer komplizierter zu werden, nachvollziehbar – und jetzt kommt das Aber: ABER selbstverständlich völliger Quatsch. Erstens ist die Welt weitaus weniger kompliziert als noch vor 30 Jahren, und zweitens: Unter dem Strich gibt es ja nur zwei Musikrichtungen. Es gibt gute Musik. Und es gibt schlechte Musik. Es gibt nichts daneben, und nichts dazwischen.

Jetzt mag es kompliziert werden: Die Entscheidung darüber, was schlechte und was gute Musik ist, muss jeder für sich selbst treffen. Mir steht es einfach nicht zu,  über jemanden zu urteilen oder jemanden zu verurteilen, der Modern Talking mag, Helene Fischer hört oder Tränchen kullern lassen muss, weil er oder eher sie Roy Black auf Youtube in der Hitparade von 1975 sieht.  Jeder soll das hören, was er mag. Hier kommt der Text.

Mit Herz und Soul

Soul? Ist doch Musik von gestern, Musik für Ältere, oder? Im Prinzip stimmt das, aber in einer Nische des Musikmarkts hat Soul nicht nur überlebt, in dieser Nische groovt Soul quicklebendig vor sich hin. Das Internet hält die weltweite Soul-Gemeinde zusammen. Auf den Knotenpunkten des deutschen Soul-Netzwerks sitzen ein paar Soulfreaks und Auskenner. Zu ihnen zählt Markus Kater, 56, aus dem Rintelner Ortsteil Schaumburg. In gewisser Hinsicht ist es nicht übertrieben zu sagen, dass Soul für ihn (über)lebenswichtig ist.

veröffentlicht am 04.10.2018 um 16:39 Uhr
aktualisiert am 04.10.2018 um 18:00 Uhr

Autor
Arne Boecker

Der Begriff „Soul“ mäandert durch die Musikgeschichte wie der Mississippi durch den mittleren Westen der USA. Unumstritten ist: Die Quelle des Soul haben Afroamerikaner in den 1950er-Jahren entdeckt, als sie Blues und Gospel zusammenbrachten. Der neue Stil war heiß, und er brachte die Menschen auf die Tanzfläche. Soul war damals sehr politisch, vertonte den Kampf gegen Rassentrennung und für Bürgerrechte. Musikalisch zeichnet sich Soul dadurch aus, dass die Sängerinnen und Sänger eine Menge Herz und eine Menge Seele auf der Zunge tragen. Inbrünstiger Gesang, dramatische Soli: „When A Man Loves A Woman“ von Percy Sledge und „Respect“ geschrieben von Otis Redding und gesungen von Aretha Franklin, seien hier als Klassiker genannt, die auch Nicht-Soulbrüder und -schwestern kennen.

Mit den Jahren wurde Soul zu einem anderen Wort für schwarzen Pop. Traditionelle Soulmusik trat in den Hintergrund, inspirierte aber neue Generationen von Musikern. Michael Jackson und Beyonce sind ohne Soul nicht denkbar, auch Disco-, Funk, Rap- und HipHop-Stars wissen zu schätzen, dass vor einem halben Jahrhundert tolle Songs aufgenommen worden sind. Sie schneiden am Computer Teile dieser Tracks heraus und bauen neue Songs drumherum; „Samplen“ heißt diese Technik.

Die Soulkarriere des Helpser Jungen Markus Kater begann in einem legendären Plattenladen in Stadthagen, Krumme Straße. Offiziell hieß der Laden „BAM“, aber eigentlich traf man sich „beim Reiner“. Der Schüler Markus Kater hatte auf WDR 2, in der legendären Sendung „Diskothek im WDR“ von Mal Sondock, „Fantasy“ von Earth, Wind & Fire gehört – und war angefixt.

„‚Fantasy‘ lief damals sogar auf Kellerpartys, auf denen eigentlich die Rolling Stones gespielt wurden“, erinnert sich Markus Kater, „es war aber auch das perfekte Engtanz-Stück.“

Zu Hause hörte er „Fantasy“ auf dem Plattenspieler hoch und runter. „Der Lautsprecher steckte im Deckel des Plattenspielers“, sagt Kater, „wenn es zu spät wurde, musste ich unter der Bettdecke weiterhören, damit die Eltern das nicht mitbekamen.“ Aus dem jungen Markus Kater wurde ein normaler Popmusik-Fan mit einem Faible für Soul: „Ich habe damals durchaus noch so was wie die Hollies oder Marius Müller-Westernhagen gehört.“

Ein Stück weiter Richtung Soul, diese afroamerikanische Unterhaltungsmusik, schubste ihn ausgerechnet die Bundeswehr, der sich Markus Kater für vier Jahre verpflichtet hatte. Unter anderem diente er in einer NATO-Einheit in Ramstein, mit Soldaten aus vielen Ländern.

„Vor allem unter den amerikanischen Soldaten waren Musikverrückte, die meinen Horizont mächtig erweitert haben“, sagt Markus Kater. Er lernte Klassiker wie Lou Rawls kennen, interessierte sich aber auch für moderne, soulnahe Musik wie die von Heaven 17 oder auch Frankie Goes To Hollywood. Das neue Wissen konnte gleich in Plattenkäufe umsetzen, der Ramsteiner NAAFI-Shop war eine Art Paradies für Black-Music-Fans (NAAFI steht für „Navy, Army, Air Force Institutes“).

Die nächste Station auf Markus Katers Soul-Reise war wieder Stadthagen, wo er ab 1987 ein Volontariat beim „General-Anzeiger“, einer wöchentlich erscheinenden Heimatzeitung, absolvierte; dies war der Auftakt einer jahrelangen Laufbahn als Redakteur bei verschiedenen Tageszeitungen. In Stadthagen schrieb Kater jedoch vor allem für das Szene-Blatt „Schaumburger News“, das im selben Verlag wie der „General-Anzeiger“ erschien.

Er grub sich immer tiefer in das Thema Soul ein. „Zum einen haben uns die Plattenfirmen ordentlich bemustert, zum anderen habe ich über die ‚News‘ den Soul-Experten Jörg-Michael Schmitt kennen gelernt“, sagt Markus Kater. Schmidt versorgte ihn mit Schätzen und Raritäten, die er aus den USA importiert hatte. „Das war damals das Nonplusultra“, schwärmt Markus Kater.

Über die „News“ bekam er Zugang zu den vielen, kleinen Clubs in Ostwestfalen, in denen US-Soldaten über Jahrzehnte ein Stück Heimat lebten, wie das „Rodeo“ in Bad Oeynhausen und das „Subito“ in Bielefeld.

„Außerdem war der Soldatensender BFBS eine wichtige Quelle“, sagt Markus Kater. Als sehr stolzer Besitzer einer Kenwood-Anlage mit zwei Tapedecks schnitt er Soultracks mit, überspielte sie auf andere Kassetten, die er dann verschenkte.

In den folgenden Jahren standen Familie und Beruf für Markus Kater im Vordergrund. Soul spielte in seinem Leben zwar weiter eine Rolle, lief aber eher im Hintergrund vor sich hin.

Das änderte sich 2008, als er eine Stelle als Lokalchef der „Nordsee-Zeitung“ in Bremerhaven antrat. Bremerhaven hatte nach dem 2. Weltkrieg – wieder über US-Soldaten – immer ein Techtelmechtel mit Rock und Soul, man denke nur an Elvis Presleys großen Auftritt, der hier als GI 1958 erstmals deutschen Boden betrat.

„Zur Hoch-Zeit der US-Truppen wurde in Bremerhaven für das Wochenende eine Hauptstraße gesperrt, damit alle paar Meter Clubs und Bars aufmachen konnten.“

Markus Kater lernte in Bremerhaven Rob Hardt kennen. Der hatte als Produzent für eher soulferne Künstler wie „Pur“ gearbeitet, gründete dann aber das Band-Projekt „Cool Million“, das Soul-Sänger und Instrumentalisten auf die Bühne bringt. „‚Cool Million‘ präsentiert eigene Tracks im Soul-&-Funk-Stil der 80er-Jahre“, erklärt Markus Kater. Menschen wie Rob Hardt und Projekte wie „Cool Million“ zogen ihn „wieder so richtig in den Soul hinein“.

Und dann, ja dann kam das Internet, das Musik-Spezialisten ein Universum an Möglichkeiten aufschloss. „Als Facebook bekannt wurde und das iPhone 1 auf den Markt kam, begriff ich nach einer gewissen Anlaufzeit, dass sich jetzt vieles um 180 Grad ändern würde“, sagt Markus Kater. „Nie war es leichter, unglaublich viele Menschen kennenzulernen, die unglaublich viel Musik kennen.“ Die Musik wird geteilt, und sie wird kommentiert.

Heute ist Markus Kater Gastgeber für wöchentliche Soul-Shows, die Internet-Radios in England, Australien und Deutschland verbreiten. Für die Sets produziert er gelegentlich eigene Tracks, von denen einige von Labels veröffentlicht werden.

Markus Kater hört und produziert Soul vor allem auf seinem Apple-Laptop, dazu kommt ein handelsübliches Mischpult; mehr braucht es heute nicht. Zusammen mit einer Freundin, die in Hamburg sitzt, betreibt er „Groovefinder’s World“, eine Art Plattform mit Nachrichten aus allen Spielweisen des Soul.

Nach mehreren Herzinfarkten, die ihn vor vier Jahren niederstreckten, ist Markus Kater heute Frührentner. An die Welt des Souls dockt er über den Laptop von dem Küchentisch seiner Wohnung in Rinteln-Schaumburg an, mit Blick auf einen wunderbar wilden Garten. Trotz der gesundheitlichen Einschränkungen schafft er es, drei-, viermal pro Jahr auf großen Soul-Events als DJ aufzulegen, unter anderem in Kiel, Hamburg und Margate/Südengland.

Markus Kater hat für die SZ-Leser eine Link-Liste zum Thema Soul zusammengestellt:

Internet-Radio mit MAXK

Montag

9-10 Uhr: The MAXK-Show on Soulfinity Radio, Australia

www.soulfinityradio.com

Dienstag

22-24 Uhr: MAXK on Soulmix-Radio, England

www.soulmix-radio.com

Sonnabend

20-24 Uhr: SoulpowerFM (Deutschland) in the Mix, mit Thomas Hüge (Würselen), Nobo Furukawa (Kyoto), John Patton (Madrid) und MAXK

www.soulpowerfm.de

Soul im Netz

Groovefinder’s World: Plattform für Soulful Music

https://groovefindersworld.com

https://www.facebook.com/GroovefinderHH/

https://issuu.com/groovefindersworld/docs/groovefinders_magazine_2_26091505

Groovefinder’s World haben Birke Beisert aus Hamburg und Markus Kater aus Schaumburg 2015 gegründet, seitdem ist die Plattform stark gewachsen Heute gehören ein Blog, ein Magazin und verschiedene Social-Media-Seiten zu GW. Groovefinder’s stellt neue Musik vor und weist auf Soul-Events auf der ganzen Welt hin. Das Magazin enthält einen ausführlichen Radio-Guide.

Sonic Soul – bestes deutschsprachiges Blog, Besprechung von Neuerscheinungen.

http://www.sonicsoulreviews.com/

https://www.facebook.com/SonicSoulReviews/

Sonic Soul begann als Radio-Show, das Blog kam dazu. Die Bandbreite der Musik reicht von Soul bis Jazz. Betrieben wird das Blog seit 2010 von dem ehemaligen Bückeburger Jörg-Michael Schmitt, der früher für Radio ffn und die Schaumburger News gearbeitet hat.

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Nachmittagsträume

Nachmittags schlafe ich – gerne. Weil ich es kann, weil ich es mag, und weil ich es muss. Zwischen 12-14 Uhr lege ich mich hin, gegen 15-20 Uhr wache ich wieder auf.

Ich träume fast immer, wenn ich nachmittags schlafe.  Ich träume entweder von Musikfestivals, die nicht funktionieren, von Marathonläufen, bei denen ich es bis ins Ziel schaffe, mich aber ärgere, weil ich nicht unter 3 Stunden bleibe, und  immer mal wieder von dem, was ich beruflich gemacht habe; also vom Zeitungmachen.

Das habe ich intensiv, mit Liebe, mit Leidenschaft, mit Freude und Neugier, mit viel Vertrauen in mir und in mich gemacht. Ich habe das immer als Geschenk empfunden, etwas machen zu dürfen, das man liebt und mit einer Arbeit, die man gerne macht, und von der man nach und nach etwas versteht, Geld zu verdienen. Geld, das  – in der Konstellation – reichte, um eine Familie zu ernähren und um ein Haus zu kaufen und umzubauen.

Zeitungmachen war, als ich 20 Jahre alt war, also 1982, etwas nahezu Unerreichbares. So weit weg, wie Astronaut, Kosmonaut und Fußballprofi bei Schalke 04.

Ich habe trotzdem Mitte der 80er Jahre meinen ganzen Mut zusammen genommen, und bin nach Stadthagen in eine Redaktion gefahren, und habe gesagt, ich habe eine Kamera und ich möchte gerne als freier Mitarbeiter mitmachen. Und bis heute bin ich sicher, dass ich das tatsächlich nur durfte, weil die Redakteurin, die dort arbeitete, aus demselben Dorf kam wie ich und es gut fand, dass da überhaupt mal wer vorbei kam. Und da sie die einzige war, die an dem Tag in der Redaktion gesessen hat, und der Chef der Redaktion nicht da war…

Also, ich durfte. Und ich war hartnäckig. Ich habe die echt immer wieder gefragt, ob die mir nicht irgendeinen Termin geben könnten. Also bin ich mit meiner schnell gekauften Praktika-Kamera aus dem Real-Kauf und den beiden Objektiven über die Dörfer gefahren und habe – tatsächlich – Menschen fotografiert und beschrieben, die nach ihrer Hochzeit aus der Kirche kamen.  Ilford HP5, 400 Iso, und das 80-200-Tele haben mir meine Freunde geschenkt. Und tatsächlich wurde das gedruckt. Blende 8, Sonne lacht, Blende 4, im Revier.

Wer stand Spalier, warum, und wo wird gefeiert ??? Und ich habe Versammlungen besucht, auch von Geflügelzüchtern, und war erstaunt darüber, mit welchem Ernst und welcher Leidenschaft Menschen Hobbys nachgehen, von denen ich meilenweit entfernt war, und dass es Menschen gibt, die das alles freiwillig organisieren. Das hat mich beeindruckt.

Vor 35 Jahren war es also nahezu unmöglich, Zeitungsredakteur zu werden.  Heute ist es das auch, aber eher weil Zeitungsredakteur mittlerweile zu den Berufen wie Schriftsetzer, Stellmacher und Korbflechter gehört.

Das war schon eine ganz sinnvolle Aufgabenteilung damals in den Verlagen. Einige schreiben auf, andere machen Fotos, andere sorgen dafür, dass das in einem angemessenen Layout auf Seiten kommt, die wiederum von anderen gedruckt werden, und am nächsten Morgen haben fleißige Frühaufsteher die Zeitung in Briefkästen der Abonnenten gesteckt. Und wenn sich alle Mühe gegeben hatten, war manch ein Leser sogar zufrieden. Darum ging es ja beim Zeitungmachen.

Wenn ich nachmittags vom Zeitungmachen träume, arbeite ich in einer Redaktion, in der ich gar nicht angestellt bin. Ich arbeite dort einfach, obwohl ich gar nicht dazugehöre. Ich werde auch nicht bezahlt und habe keinen Urlaub. Ich bin dort nahezu alleine und soll Seiten produzieren – mit einem Computersystem, das ich nicht kenne, nicht verstehe und für blödsinnig halte.

Jeden Tag entstehen ganz viele Seiten, auf denen immer wieder schlicht nur Unfug steht. Aus der Not geschriebene Artikel, geschrieben von Menschen, die die Lust verloren haben, sich mit ihrem Beruf zu beschäftigen und die lieber freie Mitarbeiter losschicken, die alles in ihrem Leben machen sollten, außer freier Mitarbeiter bei einer Tageszeitung zu sein. Kein fleißiger Mensch sollte für solch ein Endergebnis früh aufstehen müssen, um sie in Briefkästen zu stecken.

Ich bin froh, wenn ich aufwache und nach ein paar Sekunden realisiere, dass es später Nachmittag ist, und das allerletzte woran ich denken muss, der Redaktionsschluss ist oder Seiten zu produzieren, auf denen Unfug steht. Die Träume – oder dieser Traum – irritieren mich. Ich habe in den 30-35 Jahren nur während meiner Station vor den Infarkten und mal kurz im vergangenen Jahrtausend bei einer ganz grausigen Zwischenstation dauerhaft solche Erfahrungen machen müssen. Insgesamt habe ich ganz schön viel Glück gehabt.

Es irritiert mich, und ich empfinde es auch als ungerecht, dass sich mein Hirn offenbar daran erfreut, mir nur das vorzusetzen, was mich genervt oder gar gestresst hat. Mir dann ganz kurz auch Menschen zu zeigen, für die ich keinen Respekt gehabt habe und deren damalige Situation ich vermutlich nicht verstanden habe – und die ich auch wirklich nicht mehr sehen muss.

Vielleicht will mir mein Hirn mit diesen Träumen aber auch einfach nur sagen, dass ich froh darüber sein soll, mich nicht mehr damit beschäftigen zu müssen und nicht mehr mit dafür verantwortlich zu sein, dass auf Zeitungsseiten Unfug steht – dass es wichtigeres gibt. Ich werde es besprechen.

 

Eat, Sleep, Music, Repeat

Heute, am 24. April 2018, ist es genau sechs Monate her, dass ich sprichwörtlich auf die Bremse getreten bin. Sechs Monate, in denen ich meinem kleinen Hund beim Wachsen zugeschaut habe, mich um meinen Lieblingsblog und um Musik gekümmert habe und in denen sich die persönlichen (also nicht die virtuellen) Kontakte in der Regel auf meinen Herz-Doktor und seine charmante Crew, auf Verkäuferinnen bei Aldi, Penny und Edeka, und die netten Herren, die mir beim Aufräumen helfen, beschränkt haben. Aufregend ist vermutlich etwas anders. Eat, Sleep, Music, Repeat.

Depressionen – und darum geht es heute – machen einsam. Wenn Du dich öffnest und darüber sprichst, verschreckst Du viele – viele, die mit der Wucht einer solchen Information nicht umgehen können. Öffnest Du dich nicht, verschreckst Du auch viele – wohl, weil sie nicht wechseln können, was du in Stresssituationen tust oder gerade nicht tust.  Es ist ja auch nicht einfach. Depressionen sieht man nicht, und Menschen ohne Depressionen fällt es vermutlich fürchterlich schwer, einzuschätzen, was einem Depressiven Stress bereiten kann.

Während meiner Zeit als Redaktionsleiter hatte ich kein Problem damit, Veranstaltungen mit 500 oder mehr Menschen zu moderieren, mehr oder minder intelligente Fragen zu stellen oder zu smalltalken. An anderen Tagen fiel es mir hingegen schwer, während eines Treffens mit zwei Vereinsvorsitzenden bei einem Mittagessen nicht die Contenance zu verlieren und das Gespräch einfach abzubrechen.

Ich entdecke das immer noch. Als irgendwelche Vollidioten vor Monaten meinen kleinen Hund aus dem Garten gelockt und mitgenommen haben, wusste ich sofort, was zu tun war, habe alle Hebel in Bewegung gesetzt, die in Bewegung gesetzt werden können. Und – um es kurz zu machen – tatsächlich konnten wir die schlaue Ella einige Stunden später aus dem Tierheim abholen. Gestern morgen dagegen bin ich einer Frau mit goldfarbenen Sandalen und mintgrünem Kanzlerinnen-Sakko im Aldi-Markt zwei Mal in den Einkaufswagen gefahren, weil sie mit Absicht sieben Regale gleichzeitig blockiert hat – und zwar auf der kompletten Runde. Und wie sehr es mich aufgeregt hat, dass die Tucke ihre Karre und ihren dicken Hintern nicht einfach so platziert hat, dass sie andere nicht stört.

Das sind die Momente, in denen ich fluche;  über das, was außerhalb meiner kleinen Welt passiert. Das setzt bei mir Gedanken in Gang. Wer brezelt sich  für einen Besuch im Aldi-Markt in Hessisch-Oldendorf auf? Was ist so schwer daran, auf andere zu schauen? Färbt das doch ab, was diese geistigen Kleingärtner aus der Riege Trump und Spahn und Seehofer tagtäglich abseiern? Wie kommt das, dass sich manche in dieser weltweiter werdenden Gesellschaft offenbar mit Anlauf zurück in die Grenzen und die Gedankenwelt der 1950er Jahre beamen. In Vorstellungen von Moral und Etikette und Umgang miteinander, die damals schon nicht richtig waren. Könnte ich der goldfarbenen Sandale etwas wegnehmen, was ihr gar nicht gehört? Anyway. Vielleicht war sie einfach nur sehbehindert; vielleicht muss sie  aber auch jeden Abend neben ihrem betrunkenen Gatten und mit einem Schälchen kleingeschnittener Aldi-Mettwurst auf dem Sofa sitzen und sich das Geschimpfe über Gott und die Welt und Flüchtlinge anhören.

Menschen mit Depressionen brauchen Menschen, die beim Aufräumen helfen – und das können

Depressionen also. Etwa die Hälfte aller Herzinfarkt-Patienten hat mit Depressionen zu tun, viele der Patienten schon vor dem Schlag oder – wie bei mir – den Schlägen. Das ist so: Wenn Körper und Seele aus der Balance sind, gibt es Streik. Da helfen keine Pillen, und auch keine ausführlichen Gespräche mit den besten Freunden. Den meisten guten Freunden wird es schwerfallen, sich in die Situation hineinzuversetzen; und selbst wenn sie es noch so gerne möchten und helfen wollen. Der Unterschied zwischen den Informationen auf der einen und der anderen Seite ist vermutlich zu groß.

Dazu kommt etwas, das für depressive Menschen eine wichtige Rolle spielt. Es ist nicht einfach, sich zu öffnen und es öffentlich zu machen. Das liegt wohl daran, dass ein verzerrtes Bild entstehen kann. Wer will schon darauf reduziert werden, depressiv zu sein. Ich bin nicht  24 Stunden am Tag depressiv. Und ich möchte auch nicht 24 Stunden am Tag über Depressionen sprechen, und nicht mit jedem.

Ich freue mich über kleine und große Dinge, über Gesten, über Gespräche, über Lob. Ich freue mich, mit meinem kleinen Hund spazieren zu gehen und ihm ein bisschen dabei zu helfen, die Welt zu verstehen. Ich freue mich über schöne Musik und darüber sie auflegen zu können, über schöne Fotos und darüber, wenn Menschen, an denen mir etwas liegt, glücklich sind. Und ich habe die Demut zu sagen, dass es mir gut geht – weil ich nochmal leben darf. So isses.

Die Weltgesundheitsorganisation geht in einer Studie aus dem Jahr davon aus, dass weltweit etwa 320 Millionen Menschen Depressionen haben. Das entspräche einem Anteil von 4,4 Prozent an der Weltbevölkerung. In Deutschland liegt der Prozentsatz höher, nach WHO-Schätzungen bei 5,2 Prozent. 5,2 Prozent. Stell Dir einfach vor, Du bist auf einem Musikfestival mit 3000 Menschen, dann sind dort – statistisch gesehen – 160 Männer und Frauen, die mit Depressionen zu tun haben. Und manchmal ist es so, dass man nicht die Nummer 161 sein mag.

Die WHO hat einige Schlüsselsätze formuliert, so genannte Key Facts.

Key facts

  • Depression is a common mental disorder. Globally, more than 300 million people of all ages suffer from depression.
  • Depression is the leading cause of disability worldwide, and is a major contributor to the overall global burden of disease.
  • More women are affected by depression than men.
  • At its worst, depression can lead to suicide.
  • There are effective psychological and pharmacological treatments for depression.

Und nun? Depressive brauchen professionelle Hilfe. Menschen mit Depressionen brauchen Menschen, die beim Aufräumen helfen – die wissen, wie das funktioniert, was man machen muss und soll, und was nicht. So einfach ist das am Ende.

Es gibt seit den 1960er Jahren einige Untersuchungen und Studien, die den Zusammenhang zwischen seelischen Problemen und Infarkten oder Schlaganfällen thematisieren. Die Ärztin Christiane Waller aus Ulm beispielsweise führt in einer Studie aus dem Jahr 2016 das erhöhte Infarkt-Risiko darauf zurück, dass Depressive ein Problem mit dem Stresshormon Cortisol haben.

Die amerikanische Langzeitstudie eines Forscherteams des Professors Frank Hu von der Harvard School of Public Health hat den Zusammenhang zwischen Depressionen und Hirninfarkten untersucht. Über einen Zeitraum von 30 Jahren sind rund 300.000 Menschen beobachtet worden. Die Forscher  kommen unter anderem zu diesem Ergebnis: Eine Depression erhöht das Gesamtrisiko für einen Schlaganfall um 45 Prozent; die Gefahr, dass dieser tödlich ausgeht, steigt sogar um 55 Prozent.

Aufmerksamen Lesern wird nicht entgangen sein, dass das Verb leiden in diesem Text nicht vorkommt.

Wir sehen uns

Zum Nachlesen
Studie der WHO
Wiebke Hollersen über die Ulmer Studie in der Tageszeitung Welt
Christian Weber über die Harvard-Studie  in der Süddeutschen Zeitung

 

Grenzen

Hamburg Hauptbahnhof, Gleis 14

Ich mag Fahrstühle; Treppen sind einfach nicht mehr mein Ding. Da stoße ich an meine körperlichen Grenzen. Also gehe ich auf dem Hamburger Hauptbahnhof lieber dreihundert Meter über den Vorplatz und einmal um den Bahnsteig an Gleis 14 herum, weil ich weiß, wo der Lift versteckt ist. Ich schleppe doch nicht meinen 19,85 Kilogramm schweren Koffer die Treppen rauf oder runter. So blöd bin ich dann doch nicht.

Grenzen, darum geht es oft in meinem Leben. Wo sind die Grenzen? Was schaffe ich, und was sollte ich lieber lassen? Das ist vermutlich eine Frage, die viele Menschen umtreibt, die einen Herzinfarkt hatten und die vieles von dem geregelt haben, was nach einem solchen das Leben veränderten Ereignis offiziell zu regeln ist. Nicht falsch verstehen: Es gibt noch ganz viel zu tun. Weiterlesen „Grenzen“

Das Leben ist ein Geschenk

Das Leben ist ein Geschenk. Immer.
Auch wenn es sich manchmal anfühlt wie ein Arschloch

Tag I

Unvorbereitet. Das ist das erste, was mir einfällt. Piepen. Schläuche. Apparate. Das kalte Licht. Und diese kalte Luft. Ich wollte stark sein. Für dich und für Birke. Ich kannte sie nicht. Aber sie hat mir erzählt, dass du aus dem Koma aufgewacht bist. Am Telefon, nur einen Tag vorher. Dass du auf alles reagierst, sagte sie. Sie war so euphorisch. Und ich glaube ihr. Jedes Wort. Fühlte mich bereit für einen Besuch bei dir. Und bin so unvorbereitet.
Auf die Intensivstation kann man sich nicht vorbereiten. Das habe ich mir später immer wieder gesagt. Vorgebetet. Ich habe mich so schwach gefühlt. Ich war so traurig. So wollte ich dich nicht sehen. Aber so habe ich dich gesehen.
Dein Atem ist gerast. Deine Augen rollten wie eine Flipperkugel hin und her. Deine Lider waren so schwer. In deinem Gesicht passiert so viel. Und nichts von dem kann ich deuten. Birke schon.
Der Apparat über deinem Kopf – immer wieder gibt er an, dass Deine Atemfrequenz viel zu hoch ist. Deine Hände sind schwitzig. Du hast hohes Fieber. Birke erzählt mir, wie der Stand der Dinge ist. Ich kann nicht zuhören. Halte deine Hand. Und spüre, wie die Panik die Beine hoch krabbelt. Birke beugt sich zu dir runter. Nase an Nase. Immer wieder sagt sie: „Du musst stark sein.“ Immer und immer wieder. Ich sehe ihr dabei zu. Und fühle mich so hilflos. Weiterlesen „Das Leben ist ein Geschenk“