Grenzen

Hamburg Hauptbahnhof, Gleis 14

Ich mag Fahrstühle; Treppen sind einfach nicht mehr mein Ding. Da stoße ich an meine körperlichen Grenzen. Also gehe ich auf dem Hamburger Hauptbahnhof lieber dreihundert Meter über den Vorplatz und einmal um den Bahnsteig an Gleis 14 herum, weil ich weiß, wo der Lift versteckt ist. Ich schleppe doch nicht meinen 19,85 Kilogramm schweren Koffer die Treppen rauf oder runter. So blöd bin ich dann doch nicht.

Grenzen, darum geht es oft in meinem Leben. Wo sind die Grenzen? Was schaffe ich, und was sollte ich lieber lassen? Das ist vermutlich eine Frage, die viele Menschen umtreibt, die einen Herzinfarkt hatten und die vieles von dem geregelt haben, was nach einem solchen das Leben veränderten Ereignis offiziell zu regeln ist. Nicht falsch verstehen: Es gibt noch ganz viel zu tun. Weiterlesen „Grenzen“

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Das Leben ist ein Geschenk

Das Leben ist ein Geschenk. Immer.
Auch wenn es sich manchmal anfühlt wie ein Arschloch

Tag I

Unvorbereitet. Das ist das erste, was mir einfällt. Piepen. Schläuche. Apparate. Das kalte Licht. Und diese kalte Luft. Ich wollte stark sein. Für dich und für Birke. Ich kannte sie nicht. Aber sie hat mir erzählt, dass du aus dem Koma aufgewacht bist. Am Telefon, nur einen Tag vorher. Dass du auf alles reagierst, sagte sie. Sie war so euphorisch. Und ich glaube ihr. Jedes Wort. Fühlte mich bereit für einen Besuch bei dir. Und bin so unvorbereitet.
Auf die Intensivstation kann man sich nicht vorbereiten. Das habe ich mir später immer wieder gesagt. Vorgebetet. Ich habe mich so schwach gefühlt. Ich war so traurig. So wollte ich dich nicht sehen. Aber so habe ich dich gesehen.
Dein Atem ist gerast. Deine Augen rollten wie eine Flipperkugel hin und her. Deine Lider waren so schwer. In deinem Gesicht passiert so viel. Und nichts von dem kann ich deuten. Birke schon.
Der Apparat über deinem Kopf – immer wieder gibt er an, dass Deine Atemfrequenz viel zu hoch ist. Deine Hände sind schwitzig. Du hast hohes Fieber. Birke erzählt mir, wie der Stand der Dinge ist. Ich kann nicht zuhören. Halte deine Hand. Und spüre, wie die Panik die Beine hoch krabbelt. Birke beugt sich zu dir runter. Nase an Nase. Immer wieder sagt sie: „Du musst stark sein.“ Immer und immer wieder. Ich sehe ihr dabei zu. Und fühle mich so hilflos. Weiterlesen „Das Leben ist ein Geschenk“

Willi

Ich hatte im April 2015 zwei weitere Operationen an meinem Herzen. Die Chirurgen im Herzzentrum in Bad Oeynhausen haben mit einem Katheder noch einmal nachgeschaut, was in meinem Herzen so los ist. Ihre Autobahnen und Bundesstraßen sind frei, hat der Doc nach der Operation gesagt – kein Stau in den Blutgefäßen. Sehr gut. Ein paar kleinere Dorfstraßen müssten vielleicht mal neu geteert werden, das mache aber nix – auch gut. So etwas freut den Infarkt-Patienten ganz kolossal.

csm_hdz-nrw-anaesthesiologie-6_b5e29aaf67Die zweite Operation in Bad Oeynhausen ist ein wenig aufwändiger. Die Ärzte dort bestehen darauf, dass ich einen Defibrillator eingesetzt bekomme. Das liegt daran, dass ich nach den zwei kleinen und dem großen Schlag, dem Muskelriss im Herzen und der neuen Herzklappe einen weiteren Infarkt hatte. Die Docs und die Schwestern in Lübeck mussten mich noch einmal in diese Welt zurückholen, vier Tage nach der Operation an der Herzklappe. Weiterlesen „Willi“

7:1 für Deutschland, 3:0 für mich

7:1 für Deutschland, 3:0 für mich

Am 8. Juli, dem Tag, als in Deutschland Millionen vor dem Fernsehgerät sitzen und sich die Augen reiben, weil die Fußballnationalmannschaft bei der WM 7:1 gegen Brasilien gewinnt, retten die Ärzte in Lübeck noch einmal mein Leben. Die Herzklappe ist ausgeleiert; das Blut droht in die andere Richtung zu fließen. Außerdem ist im Herzen ein Muskel gerissen; der, der eine kleinere, die Segelklappe, hält und steuert. Notoperation, ich bekomme eine künstliche Herzklappe. Aber alles ist gut.

csm_hdz_chirurgie-htx-op_6b2287bef8Immer wieder sehe ich Bilder von der Intensivstation einer Klinik. „Alles ist gut“, sagt Birke in diesen Bildern, „sie haben Dein Herz schon operiert“. „Du musst keine Angst mehr haben“, das sagt Birke auch, und ich weiß, wie sehr sie sich freut und wie erleichtert sie ist. Birkes Nähe bedeutet den höchsten Grad der Geborgenheit für mich. Sie erzählt mir später, dass ich auf der Station in Lübeck den Arzt gerufen habe. Er solle ihr mal ganz schnell sagen, dass ich sie heiraten will. Er hat es getan. Weiterlesen „7:1 für Deutschland, 3:0 für mich“

Auf einem Schiff

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Auf einem Schiff aus Birmingham – und noch ein Infarkt

Ich bin auf einem Schiff. Es fährt von Birmingham nach Salzgitter, oder von Hull nach Bremerhaven, oder von Margate im Südwesten Englands nach Braunschweig. Ich habe auf einem Schiff angeheuert, liege dort aber mit Fieber im Krankenbett. Das Arbeitsamt hat mir diesen Job vermittelt. Ich war, das muss man wissen, noch nie in meinem Leben auf dem Arbeitsamt.

Die Schiffsbesatzung trägt blaue Uniformen und  dicke Leinenjacken, die in Nordfrankreich hergestellt und unter anderem in einem Shop Einkaufszentrum Mediterraneo in Bremerhaven verkauft werden. Ich hänge am Tropf, mein Herz tut weh. Die Schwester, die mich pflegen soll, versteht mich nicht. Ich will runter von diesem Schiff, ich will und muss in ein Krankenhaus. Ich glaube, dass etwas passieren wird. Sie hört nicht auf mich. Ich kann sagen, was ich will. Ich bekomme schlecht Luft; jeder Atemzug schmerzt, die Luft reicht nie aus. Die Schwester will mich nicht in ein Krankenhaus bringen lassen; ich habe Angst. Kurz bevor das Schiff anlegt, bekomme ich in meinen Bildern  einen Infarkt.